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App soll Drogenkonsum sicherer machen

Helen Whittle
13. April 2024

Berlins Drugchecking-Angebot ist erst ein Jahr alt, aber schon sehr populär. Eine neue App nutzt nun die Informationen des Dienstes, um Drogenkonsumenten noch besser über aktuelle Warnungen auf dem Laufenden zu halten.

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Rosa Ecstasy-Pillen in Totenkopfform
KnowDrugs und Drug Checking Berlin wollen den Drogenkonsum sicherer machenBild: Pond5 Images/IMAGO

"Ich glaube, wir haben verstanden, dass es nicht hilft, sondern schadet, wenn wir nicht über Drogen informieren. Denn die Menschen konsumieren sie trotzdem", sagt Philipp Kreicarek. Der 35-Jährige hat KnowDrugs entwickelt, eine App, die nicht nur Informationen zu den neuesten Drugchecking-Ergebnissen und psychoaktiven Substanzen enthält, sondern auch Tipps zum sicheren Konsum.

Kreicarek studierte Soziale Arbeit und arbeitete in der Drogenberatung. Nebenher engagierte er sich in Clubs und auf Partys. Club- und Festivalbesucher konnten sich damals an Informationsständen oder auf speziellen Websites über potenziell gefährliche Drogen informieren. Dabei wurde ihm klar, dass sich viele Menschen bestimmter Risiken einfach nicht bewusst sind. So hat sich zum Beispiel die Konzentration psychoaktiver Substanzen in Ecstasy-Pillen teils stark erhöht. Manche können das Drei- oder Vierfache der herkömmlichen Dosis enthalten oder sogar eine völlig andere Substanz. Es erschien ihm einfacher, die Nutzer mit solchen Informationen über eine App zu erreichen.

"Meiner Meinung nach können Überdosierungen dieser Art mit ehrlichen Informationen vermieden werden", sagt er zur DW. "Ich bin überzeugt, dass Kenntnisse über psychoaktive Substanzen es den Nutzern erlauben, informierte Entscheidungen zu treffen und ihren Konsum sicher zu gestalten. So können Gefahren reduziert werden."

KnowDrugs ist gratis und kann ohne Angabe persönlicher Daten heruntergeladen werden. Gegenwärtig wird die App von etwa 80.000 aktiven Nutzern eingesetzt. 87 Prozent davon befinden sich in Deutschland, vor allem in Berlin. Es gibt aber auch Nutzer in Budapest, Warschau, London oder Paris.

Kreicarek arbeitet eng mit Suchtberatungszentren und dem Drugchecking-Dienst von Berlin zusammen. Dieser informiert ihn über neue Warnungen zu bestimmten Drogen oder Pillen. Diese werden dann per Push-Benachrichtigung über die App weitergeleitet.

Die Gefahren von illegalen Partydrogen sind bekannt: Kokain, Amphetamine und Ecstasy werden mit über 400 Todesfällen in Deutschland von 2020 bis 2022 in Verbindung gebracht. Weitere 4.300 Todesfälle sollen mit dem Konsum von Heroin und Morphium in Zusammenhang stehen.

Drogen - die Sucht nach dem Rausch

Anfang des Jahres machten in Berlin Gerüchte die Runde, das hochwirksame Opioid Fentanyl sei in Berlin in Partydrogen gefunden worden. Drug Checking Berlin konnte die Nutzer beruhigen. In keiner der mehr als 1000 Proben, die in der Hauptstadt analysiert wurden, wurde Fetanyl festgestellt. Anderswo in Deutschland konnte die Polizei jedoch in beschlagnahmten Heroinproben Fetanyl nachweisen.

Wenn es nach Kreicarek ginge, würde das Drugchecking-Angebot auf die Überprüfung vor Ort in Clubs und auf Festivals ausgeweitet. "Die Menschen, die sich ihre Drogen im Club besorgen, erreichen wir im Moment nicht", bedauert er.

Drugchecking: Einst illegal, jetzt mit staatlicher Unterstützung

Nicht immer war das Testen von Drogen so einfach. 1995 führte Eve & Rave, ein Verein, der sich in der Club- und Partyszene engagiert, einen Testservice auf Partys und in Clubs in Berlin ein. Daraufhin wurden die Vereinsmitglieder von der Staatsanwaltschaft wegen Besitzes illegaler Drogen angeklagt. Auch wenn keine der Angeklagten letztlich verurteilt wurden, dauerte es doch bis 2016, bis die Berliner Landesregierung, damals gebildet von einer Koalition aus SPD, Grünen und Linken, ihr eigenes Drugchecking-Projekt auf den Weg brachte.

Jahrelang wurde juristisch darum gerungen; erst auf Druck von Experten und Bürgerinitiativen wurde im Juni 2023 der erste kostenlose und anonyme Drugchecking-Dienst in Berlin eingeführt. Finanziert wird dieser vom Landesgesundheitsministerium.

Jetzt können Nutzer ihre Pillen, Tabletten, Flüssigkeiten und Pulver jeden Dienstag bei einer von drei Suchtberatungsstellen kostenlos und anonym prüfen lassen. In einem kurzen Beratungsgespräch werden Konsumgewohnheiten und sicherere Praktiken erörtert. Dann wird eine Probe der Droge zur chemischen Analyse entnommen und das Ergebnis wird einige Tage später telefonisch oder persönlich mitgeteilt.

Derzeit werden bei den drei Beratungsstellen wöchentlich etwa 40 Proben eingereicht, sagt Tibor Harrach. Er ist pharmazeutischer Koordinator bei Drug Checking Berlin. "Die Nachfrage nach Drugchecking ist deutlich höher als die Beratungs- und Analysekapazitäten des Projekts", berichtet er der DW.

Von Juni bis Dezember 2023 wollten 1286 Nutzer das Drugchecking-Angebot wahrnehmen, 566 von ihnen mussten jedoch abgewiesen werden. Im gesamten Jahr wurden über 1000 Proben analysiert. Fast die Hälfte waren entweder gefährlich hoch dosiert, mit toxikologisch relevanten Substanzen verunreinigt oder falsch deklariert. So handelte es beispielsweise gelegentlich bei als MDMA verkauften Pulvern oder Kristallisaten um Ketamin.

Berliner Kiez kämpft gegen Drogen

Eine Studie aus dem Jahr 2021 stellte fest, dass Drugchecking-Angebote nicht nur die Menge der konsumierten Drogen reduzieren, sondern auch das Risiko einer Überdosierung verringern. Durchgeführt wurde die Studie von The Loop, einer gemeinnützigen Organisation in Großbritannien, die für ihre Zielgruppe und bei Ereignissen Drugchecking-Dienste anbietet. Die Studie ergab außerdem, dass minderwertige oder falsch etikettierte Substanzen eher entsorgt oder vorsichtiger konsumiert werden und dass Drogenkonsumenten seltener Substanzen mischen.

Das Angebot von Drug Checking Berlin wird derzeit durch ein Institut der Charité Berlin wissenschaftlich evaluiert. Der entsprechende Bericht soll Ende 2024 veröffentlicht werden. "Bereits jetzt kann gesagt werden, dass durch das Drugchecking zahlreiche Konsumenten und Konsumentinnen erreicht wurden, die zuvor noch nie Kontakt zum Suchthilfesystem hatten", erzählt Harrach. "Das betrifft 84 Prozent der Nutzer und Nutzerinnen aus dem Jahr 2023.

Warum nicht alle Drogen entkriminalisieren?

Innerhalb der EU hat auch Deutschland kürzlich den Besitz und Konsum von Cannabis legalisiert. Das neue Gesetz trat am 1. April in Kraft und erlaubt es Erwachsenen, bis zu drei Cannabispflanzen im eigenen Haus anzubauen und bis zu 50 Gramm getrocknetes Cannabis zu lagern.

Cannabipflanzen
Bis zu drei Cannabispflanzen können in Deutschland jetzt im eigenen Haushalt angebaut werdenBild: Emmanuele Contini/NurPhoto/picture alliance

Doch das sollte nur der Anfang sein, meinen viele Aktivisten. Philine Edbauer ist Mitbegründerin der Initiative My Brain My Choice (MBMC). Sie ist der Meinung, dass Drogenkonsum und -besitz allgemein entkriminalisiert werden sollten.

Eine App wie KnowDrugs begrüßt sie, insbesondere weil hier auch Ratschläge und Informationen zu finden sind. Sie ist überzeugt, dass das neue Drugchecking-Angebot in Berlin die Gefahren des Freizeit-Drogenkonsums reduzieren kann. Gleichzeitig gibt es den Konsumenten Zugang zu Fachleuten aus dem Gesundheitswesen, die potenziell lebensrettende Ratschläge geben können.

"Die Leute erhalten Antwort auf ihre Fragen und können selbst entscheiden, welche Hilfe sie in Anspruch nehmen. Ich halte es für sehr sinnvoll, die Gesundheitsdienste wirklich zugänglich zu machen. So ist die Hürde weniger groß, Hilfe zu suchen oder einfach nur Fragen zu stellen", betont sie.

"Die Leute nehmen sowieso Drogen, das ist die Realität", sagt Edbauer. Statt kleine Händler und Konsumenten zu bestrafen, sagt sie, sei es besser, "Strategien zu entwickeln, die wirklich funktionieren."

Aus dem Englischen adaptiert von Phoenix Hanzo.